Jesus Christus - ein Engel wird Mensch?
 
. Zuletzt geändert: 19.07.1998
 

Nach der Lehre der Wachtturm-Gesellschaft ist Jesus Christus ein von Gott geschaffenes Wesen und mit dem Erzengel Michael identisch.  Dies wird in der Begleitlektüre für Haustürgespräche, dem Unterredungsbuch, wie folgt begründet (S.247):

Das ist doch eine recht eigenartige Argumentation.  Wird der Ruf Jesu tatsächlich als "Ruf des Erzengels" beschrieben?  Es fällt auf, daß als Belegquelle hier zu einer eher exotischen Bibelübersetzung gegriffen wird, der "Allioli-Bibel".  Handelt es sich dabei um den Versuch, nach Möglichkeit jede erhältliche Bibelübersetzung mindestens einmal zu Wort kommen zu lassen?  Oder ist die gewünschte Aussage vielleicht nur mit dieser Bibelausgabe möglich?  Vergleichen wir mal den Bibelvers in  bekannten und gebräuchlichen Übersetzungen:

"Denn er selbst, der Herr wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen." (Luther 1984)

"Denn der Herr selbst wird beim Befehlsruf, bei der Stimme eines Erzengels und bei <dem Schall> der Posaune Gottes herabkommen vom Himmel, und die Toten werden zuerst aufstehen." (Rev. Elberfelder)

In beiden Fällen haben wir offenkundig drei Ereignisse:

Daß Jesus angeblich mit der Stimme eines Erzengels ruft, ist dem Vers nirgendwo zu entnehmen.  Und daß ein Zuruf Jesu mit einem anderen Zuruf verglichen wird, ebenfalls nicht. Laut Vers wird es einen Befehl geben, die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes werden erschallen.  Es entsteht eher der Eindruck einer feierlichen Ankündigung desjenigen, der da kommt.

Die Neue Welt-Bibel ist in ihrer Formulierung weniger klar:

"...denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes, und die in Gemeinschaft mit Christus Verstorbenen werden zuerst aufstehen."

Die Wiedergabe ist hier mehrdeutig, sowohl die Lesart ist möglich, daß der Herr zusammen mit einem Zuruf, der Stimme eines Erzengels und der Posaune vom Himmel herabkommen wird - diese würde mit den anderen Bibelübersetzungen übereinstimmen, als auch die Lesart, daß der Herr mit der Stimme eines Erzengels gebietend ruft und die Posaune Gottes bei sich hat.  Selbst bei größtmöglichem Entgegenkommen handelt es sich hier also nicht um einen Schluß, der "logischerweise" zu ziehen ist, sondern um eine vage Spekulation anhand eines einzigen Bibelverses, der die genannte Deutung in den gängigen Übersetzungen nicht offenläßt.

Die Lehre findet auch in anderer Literatur der Zeugen Jehovas Eingang, beispielsweise im "Offenbarungs-Buch" in der Auslegung zu Offenbarung 7:2-3:

Hier werden ohne Begründung Schlüsse nahegelegt.  Es "deutet doch alles darauf hin"?  Was immer den Autor zu diesem Satz bewogen haben mag, er teilt es uns nicht mit.   Als "Beleg" zu dieser unbegründeten These wird ohne weiteren Kommentar der oben diskutierte Vers 1. Thess. 4:16 angeführt, als ginge aus diesem selbstverständlich hervor, daß Jesus der Erzengel Michael ist.

Es bleibt festzuhalten, daß hier schwerwiegende und grundlegende theologische Aussagen nicht etwa auf Basis einer fundierten Auseinandersetzung mit der Bibel getroffen werden, sondern aufgrund einer ziemlich gewagten Deutung eines einzelnen Bibelverses.

Die Argumentation überzeugt nicht etwa durch Fakten, sondern ist manipulativ, versucht den Leser dahin zu bringen, daß er die dargebotenen Schlüsse "logisch" oder "angebracht" findet, oder stillschweigend akzeptiert, daß "alles" - was auch immer das sein mag - "darauf hindeutet".

Die "Einsichten in die Heilige Schrift" führen schließlich aus (Band 1, S. 1352):

Liest man einmal den angegebenen Bibeltext im Zusammenhang, so fällt auf, daß er genau gegen den im "Einsichten"-Buch geäußerten Gedanken argumentiert: Klar wird gesagt, daß Jesus nicht mit den Engeln auf einer Stufe steht, sondern weit höher als sie, daß Gott Jesus eben gerade im Unterschied zu jedem Engel seinen Sohn genannt hat und sich zu ihm  als Vater bekennt.